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"Contrapost" auf dem Werksgelände der Firma Ratiopharm, Ulm

Fotos: Anatol Dreyer
Die Kunst, einen Ort lächeln zu lassen, Dr. Tobias Wall, 2006

Fragt man die die Mitarbeiter von Ratiopharm, wie ihnen das neue leuchtende Kunstwerk "Contrapost" von Chris Nägele vor der Cafeteria gefalle, bekommt man durchweg positive Antworten. Schon wenige Wochen nach ihrer Aufstellung sind die "komischen leuchtenden Kunstfahrer" (O-Ton eines Mitarbeiters) eines der beliebtesten Kunstwerke der Belegschaft. Aus dem ungewohnten Fremdkörper ist ein Vertrauter geworden, ohne den man sich den Platz vor dem neuen Betriebsrestaurant gar nicht mehr vorstellen kann. Es ist in der Tat bemerkenswert, wie selbstverständlich sich Chris Nägeles leuchtende Ranken in das Ensemble des Werksgeländes von Ratiopharm einfügen. Wie lässt sich die Stimmigkeit dieser Arbeit erklären? An den ausgewogenen Proportionen oder dem Orange und Blau, den ehemaligen Werksfarben von Ratiopharm allein kann es wohl kaum liegen.

Chris Nägeles "Contrapost" ist ein Werk der so genannten "Kunst im öffentlichen Raum", ein Begriff, der diejenige Kunst kennzeichnet, die außerhalb von Museen, Galerien oder sonstigen Ausstellungsräumen an allgemein zugänglichen Orten aufgestellt ist. Der spröde, technokratische Begriff "Kunst im öffentlichen Raum" lässt vergessen, dass es der Künstler hierbei mit einer ganz besonders heiklen künstlerischen Aufgabe zu tun hat: Das Umfeld seiner Arbeit sind lebendige, offene, oft unberechenbare Orte, die sich ständig verändern, wodurch sich seine künstlerische Aufgabenstellung um vieles komplexer gestaltet als etwa diejenige eines Malers oder Bildhauers, der für die (vermeintlich) neutrale Umgebung von Galerien und Museen arbeitet.
Entsprechend selten trifft man auf Werke, die im öffentlichen Raum langfristig bestehen können: Meist sind es trost- und heimatlos gewordene, sperrige Kunstgegenstände, die auf Plätzen und in Anlagen kaum beachtet herumstehen und wie ausgesetzte Haustiere nach und nach verwahrlosen.
Anders die Skulpturen von Chris Nägele: Sie lassen ihre Umgebung niemals unbeteiligt, sie arrangieren sich nicht nur mit ihrem Umraum sondern wirken auf ihn ein, gestalten und verändern ihn. Chris Nägeles Arbeiten suchen permanent den Austausch mit ihrem Aufstellungsort, ein Zwiegespräch, das nie langweilig wird.

Bei ihrem Projekt "Contrapost" für Rationpharm hat sich die Künstlerin auf ein besonders sprödes Stück öffentlichen Raumes eingelassen, einen Platz, der von modernen Funktionsbauten der vergangenen 25 Jahre umgeben ist. In seiner Mitte wurde jüngst ein neues, schickes Werksrestaurant aus Glas, Metall und Beton eröffnet, an dessen Längsseite sich ein langes, graues Wasserbecken erstreckt. Täglich überqueren Hunderte von Arbeitern und Angestellten diesen Platz. Es ist ein Ort aus Asphalt und Stein, unterbrochen von säuberlich angeordneten Grünflächen und Baumreihen: eine Kombination von Funktion, Alltag und Design.
Als die Künstlerin dieses geordnete, von funktionalem Maß und rechten Winkeln geformte Ensemble erstmals sah, wusste sie sofort: "Da will ich einfach spielen". Ihr Ziel war es, eine Gegenposition, ein Contra-Positum, zur Klarheit und Strenge der Architektur und der Aufgeräumtheit dieses Ortes zu entwickeln, eine ausgelassene künstlerische Geste, die dem Ernst und der Sachlichkeit der Umgebung die Stirn bietet: Die Künstlerin entwarf zwei leuchtend farbige Schwünge, die aus dem dunkelgrauen Becken emporschießen und übermütig wie ein Funkenflug über die Planken des Holzstegs im Bassin steigen; der farbige Reigen spiegelt sich im Wasser, er scheint sich über die Ernsthaftigkeit seiner Umgebung zu amüsieren. Er ist wie das freudige Auflachen eines Kindes in einer gravitätischen Erwachsenenzeremonie. So wird Chris Nägeles Arbeit zu einer Aufforderung an diesen wohlgeordneten Platz, sich nicht ganz so ernst zu nehmen. Und - man glaubt es kaum - der Ort gibt nach: Er zieht seine Strenge zurück und lässt das Kunstwerk spielen. Das Gebäudeensemble scheint sich zu verändern, wird offener, heiterer: Das Kunstwerk lässt den Ort lächeln.

Hier zeigt sich die wahre Qualität von Chris Nägeles "Contrapost" als öffentlicher Kunst. Das Werk ist nicht nur einfach ein amüsanter Kunstgegenstand im Raum, sondern es gestaltet den Raum, man könnte sogar sagen, dass es den Raum als erlebbaren Raum erst erschafft. Kunst macht aus öffentlichem Raum Lebensraum.