Texte:  
 
 
 
Dr. Tobias Wall, Museum Schweinfurt, 2009
Dr. Tobias Wall, connect, 2007
Dr. Tobias Wall, contrapost, 2006
Kai Uwe Schierz, 2004, Direktor Kunsthalle Erfurt
Ilonka Czerny, 2003, Diözese Rottenburg-Stuttgart
Nirmi Ziegler, 2000
 
Kai Uwe Schierz, 2004, Direktor Kunsthalle Erfurt
"Neonröhre und Neonschrift gehören traditionell in den Kontext der Lichtwerbung. Blinkend und farbig in dunkler Umgebung wirken sie als unwiderstehlicher Eyecatcher, die aggressiver als Plakate ihre Botschaften in die Massen streuen. Wenn Künstler seit Mitte der 1960er Jahre mit diesen Materialien arbeiteten, dann immer im Bewusstsein einer Kontextverschiebung; tritt doch die Neonröhre als bekanntes Artefakt, als objet trouvé, in die Kunst, welche sie mit veränderten Bedeutungen anreichert - z.B. mit philosophischen oder provokativen Textinhalten (M. Merz, J. Kosuth, B. Nauman) oder als Raum und Wahrnehmung definierende Form (D. Flavin). Chris Nägele nutzt farbige Neonröhren als frei modellierbares Material, mit dem sie Räume und Körper 'bezeichnet', den Kurven von Flussläufen und Rennstrecken folgt, Blumen 'sprechen' lässt oder mit alternierenden Silben- und Wortfolgen spielerisch Sinn und Un-Sinn provoziert. Dabei gilt ihr Hauptaugenmerk dem Verhältnis von konkreter, sinnlich-fassbarer Sprachform und jeweils zugeordnetem Gehalt, der ideell, flüchtig und unfassbar ist wie Neonlicht. Hier beginnt selbst für Linguisten und Philosophen kurvenreiches Gelände, in dem Chris Nägele jedoch furchtlos und so manches Detail erleuchtend bewegt."
 
 
Achtung Wanderbaustelle!
(Auszug aus einem Text von Ilonka Czerny, 2003, Diözese Rottenburg-Stuttgart)
"...Überraschend und unverhofft wirkt eine Baustelle mitten im Ausstellungsbereich. Natürlich hat sie hier – anders als im Außenbereich – keine unmittelbare Funktion. Hier geht es nicht um Reparatur- oder Ausbesserungsmaßnahmen in den Ausstellungsräumen. Die Baustelle verweist zwar primär auf den unmittelbaren Ort, den Baustellenplatz, bezieht jedoch darüber hinaus das Œvre der Künstlerin Chris Nägele ein und ist Teilkomponente der Ausstellung. Versatzstücke aus dem realen Baugewerbe – weiß-rote Absperrungen und Asphaltstücke – verknüpfen die Alltags- mit der Kunstwelt in diesem Objekt, gehen ineinander oder stehen sich wechselseitig gegenüber. Die künstlerische Tätigkeit manifestiert sich in den farbigen, vielfältig geschlungenen, einen lockeren Formkanon einnehmenden Neonröhren. Grundsätzlich versucht Nägele in ihrem Schaffen bis an die Grenzen des Glas-Gas-Materials zu gelangen und mit Neonröhren fragile, farbintensive Linien zu „zeichnen“, teils zur Akzentuierung einer vorhandenen Linie, teils um neue Linien im Raum zu definieren. Innerhalb des Objekts Wanderbaustelle hat Nägele zwei Herangehensweisen: Zum einen nehmen Neonröhren die Form einer realen Kabeltrommel an, sind um diese geschlungen und gewunden wie ein Elektrokabel. Die bearbeitete Neonröhre hat somit den Platz eines realen Gegenstandes eingenommen. Anders die Neonröhre, die unvermittelt im mittleren Bereich der weiß-roten Baustellenbegrenzung auf dem Boden liegt. Welche Bauarbeiten im Einzelnen mit der fragilen Leuchtröhre bezeichnet werden, bleibt - zwar hell erleuchtet durch das Neonlicht - aber im Dunkeln der Erkenntnis. Hier wird ein Baustellenabschnitt per se bezeichnet, den Realbezug erwirkt die Künstlerin durch originale Bruchstücke von Straßenasphalt. ..."
 
 
Lichte Momente, Nirmi Ziegler, 2000

"Es ist besser eine kleine Kerze anzuzünden als die Dunkelheit zu verfluchen", Konfuzius

Es ist immer das Große, Erhabene, die Unsterblichkeit, was fasziniert. Doch in Wirklichkeit sind es die kleinen, unscheinbaren Schritte, die schließlich zu einem Kunstwerk, einem Lebenswerk, etwas Zeitlosem führen und es ist die kleine Kerze nötig, die wir jeden Tag aufs neue anzünden und deren Licht uns führt. Chris Nägele ist sehr beharrlich und erfolgreich im "Kerzen anzünden" und ihre Entwicklung zu verfolgen, finde ich spannend. In ihren Arbeiten sind es drei Aspekte, die besonders auffallen: Das Phänomen "Licht", das Thema "Kommunikation" und das Gebiet "Rationalität und Technik". Durch die Kombination dieser drei Elemente spiegelt Nägele die Dualität unserer Zeit, die zum einen rationales Denken und analytische Präzision als oberste Prämisse einer wissenschaflich orientierten Welt propagiert, zum andern jedoch an der Natur des Menschen als einem philosophischen und vielschichtigen Wesen nicht vorbei kommt. Ihre Arbeiten zielen auf die Rolle der Kunst in unserer Zeit, die so eng verknüpft ist mit unserer Suche nach Bedeutung und Sinn über die bloße Funktionalität einer technologisch geprägten Gesellschaft hinaus.

Licht
Das Phänomen Licht spielt eine zentrale Bedeutung in Nägeles Arbeiten. Die Entwicklung dieses Themas ist geradlinig und benutzt andere, benachbarte Phänomene wie Transparenz und Spiegelungen in früheren Arheiten wie der "Kohlewand" von 1994 oder dem "Schatzhaus" von 1995, oder in "Prismen" von 1996, um Licht als indirektes Mittel einzusetzen. Licht spiegelt sich da in Altöl, fällt durch transparente Flachen oder bricht sich in Regenbogenfarben. Die Neonarbeiten schließlich konzentrieren sich auf künstliches Licht und schließen es, rneist grundfarbig rot, blau und gelb, in die gebogenen Neonröhren ein. Diese Röhren sind in den Arbeiten von 1995 "Bootshaus" und von I997 "Ausblick" zu Gegenständen wie Häusem und Leitern geformt, die dann in den Arbeiten von 1998, "Blühen", "Ziel", "Gang", "ohne", "Weg" oder "Tei-len" in Worte mutieren, sozusagen als Stellvertreter für das Eigentliche, um schließlich ganz in chaotischen Verschlingungen zu enden, wie z.B. in: "Chaos I + II von 1998, oder "Chaos" von 1999. In der Arbeit "Lichtes Blau" 2000, werden diese chaotischen Schlingen schließlich in handliche Stücke geteilt und gebündelt.

Sprache
Nägele greift die Funktionalitat von Kommunikation auf und hält die Bedeutungsebenen simpel, ohne jedoch deren Komplexität zu vergessen. Die doppelte Botschaft in ihren ersten Neonarbeiten von 1995 und 1997, die sich mit der Kontur von "Haus" und "Leiter" beschäftigen, liegt in der Kontroverse von entwerteter Solidität und tatsächlicher Fragilität der Gegenstände. Der nächste Schritt sind die Worte, die sie aus den Neonröhren formt. Auch hier zielt die vordergründige Eindeutigkeit auf eine Vieldeutigkeit, indem die Worte teilweise abgedeckt und somit sinnentstellend werden, oder indem ein Wort, z.B. "Tulpe", in einem Blumenkasten aus Aluminium die völlige Substitution von Natur vollzieht. In der Arbeit "Hallo" von 1999 treffen sich schließlich die Phänomene "Licht" und "Sprache" in einem Morsealphabet aus Lichtzeichen. Bereits hier ist die Entschlüsselung des Codes nicht mehr jedermann möglich. In den darauffolgenden Arbeiten "Chaos I + II" schließlich gibt es keinen entschlüsselbaren Code mehr, es ist jedoch eine neuerliche Ordnung durch Bündelung ("Lichtes Blau" 2000) möglich.

Rationalität und Technik
Chris Nägele repräsentiert diesen rationalen Aspekt unserer Zeit durch die präzise Ausführung ihrer Arbeiten, die oft auf geometrische Formen wie Rechteck, Kreis und Gerade und Grundfarben wie Rot und Blau zurückgreifen. Die häufig technischen und elektrischen Komponenten in vielen Installationen vermitteln ebenfaIls diese strenge und klare Aussage. Demgegenüber stehen die beiden Phänomene "Sprache" und "Licht" als Verbindungselemente zur inneren Welt des Menschen, seiner Vielschichtigkeit und seinen Widersprüchlichkeiten, Hoffnungen und Idealen.

Diese drei Aspekte in Nägeles Arbeiten repräsentieren drei Dimensionen unserer Welt. Das Sublime, hier versinnbildlicht durch "Licht", das Soziale, hier symbolisiert durch "Kommunikation" und die Ökonomie, hier zitiert durch Rationalität und Technik. Wenn wir auch gerne die Welt aIs ein Ganzes sehen wollen, so spaltet sie sich in ihrer Komplexität doch auf in viele Dimensionen die sich oft kaum mehr berühren. Der Vorwurf an die Kunst ist, daß sie sich rnehr und mehr von "der Welt" entfernt. Während der Gegenvorwurf lautet, daß "die Welt" die Kunst im Stich Iäßt und Kultur nur mehr als Schlagsahne auf der Torte gesehen wird, die nur verziert aber eine Menge Geld kostet. Es ist die Kontroverse zwischen einer rein rnaterialistischen, nüchterne und kopflastigen Weltsicht und einer idealistischen, phantasiereichen und emotionalen Lebenseinstellung.
Diese Ambivalenz findet sich in Nägeles Arbeiten wieder. Zum einen wollen die Arbeiten gänzlich klar und "ein-deutig" als das stehen, was ihre äußere Erscheinung hergibt; Kasten mit farbigen Neonröhren, leuchtende Worte in dunkllen Umrahmungen. Doch der Schein trügt. Zum anderen zielen sie nämlich auf eine "Viel-deutigkeit".
In Nägeles Werkprozess findet eine Entfremdung von der materiellen Gegenständlichkeit statt, über die Metaebene der Buchstaben als Zwischenstufe, hin zu einer "abstrakten" Botschaft in den Arbeiten "Chaos", die dann wiederum "gezähmt" und "gebündelt" wird in der letzten Arbeit "Lichtes Blau".
Im Zeitalter der Wissenschaft, wo Geheimnisse dazu da sind, aufgedeckt und bis ins letzte Atom analysiert zu werden, ist kein Platz mehr für Unerforschtes, Unentdecktes. Doch die Präzision der Naturwissenschaften ist nicht anwendbar auf Kunst. Kunst ist nie eindeutig, das hat sie mit Kommunikation gemeinsam. Sie ist ein komplexes Feld und so scheint es, als wäre nichts schwieriger, als zu "verstehen". Wie jede Geste, jedes Wort, jedes Verhalten eine Vielzahl von Bedeutungsmöglichkeiten birgt, so fordert das Kunstwerk mit jeder Faser seines Seins Interpretation. Das rnacht seine Schönheit aus, ist oft aber auch Grund für Mißverständnisse und Konflikte. Kunstwerke provozieren Interpretation. Was will uns das Werk sagen, womit setzt es sich auseinander, welche Aussage hat es? Die ietztendliche Unergründlichkeit ist es, die Kunst ausmacht. Nichts langweiliger als eine Arbeit, die keine Geheimnisse birgt und auch behält. Nägele provoziert rnit ihren scheinbar so spielerisch geradlinigen Kunstwerken diese Diskussion und bereichert unsere Kunstwelt mit ihren Beitragen voller Hintersinn. Es lohnt nicht, sich vom Licht blenden zu lassen, sondern einen zweiten Blick "hinter die Kulissen" dieser so perfekt gemachten Objekte zu vverfen.